Ein Pilgerbericht in Corona-Zeiten

Ein Pilger aus Sachsen hat Spanien erreicht! Im Juli in Leipzig (via Riesa-Meißen-Grumbach) gestartet ist er nach 119 Etappen im Zielland angekommen angekommen. Und sendet einen interessanten Pilgerbericht:

Vor 13 Tagen bin ich über den Pyrenäenpass, bei stabilen, sonnigen Wetter, unbehelligt aus Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles/Spanien gepilgert. Am Abend konnte ich 20 Uhr den Pilgersegen von drei(!) Priestern vor Ort bei der 20-Uhr-Messe empfangen und für 10 EUR in einem einfachen Zimmer übernachten.

Am Samstag, den 28.11.2020, haben ein frz. Pilger und ich die Stadt BURGOS erreicht. Nach 119 Wanderetappen habe ich nun – aus Leipzig (via Riesa-Meißen-Grumbach) – knapp 2.900 km absolviert.

Hier in Spanien war es die letzten zwei Wochen trocken und die Hälfte der Tage bewölkt und die andere Hälfte sonnig. Temperaturen bis 15°C im Schatten. In der Nacht wurden auch 0°C vereinzelt erreicht. Es ist auch kaum Wind und so ist das Wandern überaus angenehm. In Spanien ist der Weg weniger abgeschieden und regelmäßig habe ich Dörfer passiert und vereinzelt Menschen getroffen (keine Pilger). Nahezu alle Menschen laufen mit Masken rum. Selbst auf dem freien Feld werden Masken getragen oder – wenn ein Pilger erblickt wird – sofort für Passieren übergezogen. Selbst 3-4 m Abstand auf breiten Feldwegen, wird nicht getraut. Die Hälfte der Menschen ist sehr verängstigt. Die andere Hälfte wünscht herzlich „Buen Camino“, hupt und winkt aus dem Auto/LKW/Fahrrad oder auf der Strasse. Insgesamt sind die Menschen in Spanien allerdings sehr reserviert und distanziert. Kein Vergleich zur Herzlichkeit in der Schweiz und in Frankreich.

Nun befinde ich mich mit zwei frz. Pilgern auf der Hochebene Meseta, die kaum mit Bäumen bewachsen ist, und die nächsten Tage nach Leon soll es sich auf 0-6°C abkühlen.

Insgesamt herrscht in den Städten in Spanien richtig Trubel auf den Strassen. Die Geschäfte sind offen, nur die Restaurants dürfen lediglich Take-Away-Essen anbieten.

Die Menschen trinken nun ihren Kaffee im Stehen draußen auf der Strasse…

Ausnahme: In der Region La Rioja, zwischen den Regionen Navarra und Burgos, darf ganz normal das Restaurant oder Cafes besucht werden. Das war ein Hochgenuss!

Habe insgesamt 11-mal in Herbergen übernachtet für 7-20 EUR pro Nacht (9-mal als einziger Gast). Bei fünf Herbergen gab es ein kleines Frühstück, nicht annähernd vergleichbar mit einem ausgewogenen, deutschen Frühstück.

Lebensmittel für Abendessen, Frühstück oder Proviant konnte ich mir aber stets im Supermarkt, i.d.R. am Abend meiner Anreise, besorgen. Zweimal bin ich bei Pfarrern sehr herzlich empfangen worden.

Offiziell sind hier wohl alle Herbergen geschlossen. Über Kontaktadressen im Reiseführer „Miam Miam Dodo“ findet man aber stets Kontakte, die einem sagen, welche Herbergen offen haben.

Zwei entgegenkommende Pilger aus Santiago (ein Deutscher und ein Niederländer) konnten ebenso mit offenen Herbergen weiterhelfen. Der Deutsche berichtete, dass die spanische Polizei zwar seinen Ausweis sehen wollte, aber er dennoch seine Reise fortsetzen konnte (zuerst aus Frankreich nach Santiago und nun wieder zurück nach Frankreich).

Selbst haben mich ein paar Mal Polizeiautos in den Städten überholt. Angehalten wurde ich nirgends. Offiziell darf man wohl nicht die innerspanischen Regionengrenzen überqueren. Doch die Wanderwege haben keine Schranken etc. …

Rückblick Frankreich (St. Jacques de Compostelle)

In Frankreich habe ich die letzten 14 Tage vor Erreichen von Saint-Jean-Pied-de-Port einer landesweiten Ausgangssperre getrotzt. Die Bürger durften wohl nur mit Grund für max. 1 Std. insgesamt 1 km weit vom Wohnort entfernt sein. Ausnahme ist der Weg zur Arbeit. Meine Wohnung in Leipzig war wohl um die 1.700 km entfernt.

Restaurants und die meisten Geschäfte sowie die Herbergen in Frankreich sind offiziell geschlossen. Es drohen wohl sogar Strafen, wenn Herbergen einen Gast aufnehmen.

Draußen von der Polizei angehalten zu werden, würde theoretisch wohl 135 EUR kosten. Genau kann ich das nicht sagen, da mir zum Glück auf den letzten 400 km in Frankreich kein Polizist begegnet ist.

Aufgrund der großartigen Unterstützung der Franzosen, die ich unterwegs getroffen habe oder mir empfohlen worden, habe ich immer eine trockene Bleibe gefunden (zuletzt 80% in Pilgerunterkünften für ca. 25-35 EUR HP). Ich musste kein einziges Mal zelten. Auch andere Sachen, wie z.B. Wanderutensilien konnte ich von Ladenbesitzern unter der Hand beziehen.

Fast alle mir bekannten Pilger sind heimgereist. Hatte nur zwei Pilger in einer Herberge getroffen, die einfach Arbeit gegen Kost und Logie dortgeblieben sind.

In der Pilgerunterkunft in Saint-Jean-Pied-de-Port waren noch drei weitere Pilger, die nach Spanien weitergehen.

Das Wetter war zw. 1.-15.11. in Frankreich sehr stabil und sonnig bis fast 20°C. T-shirt und kurze Hose waren die Regel.

Die Tage in Abgeschiedenenheit in der Natur waren als – gefühlt- einziger Pilger genauso wie zu Beginn meiner Reise in Deutschland im Juni/Juli. Nur Essen für 2-3 Mahlzeiten musste ich halt für den Tag sicherheitshalber mitnehmen. Man gewöhnt sich an alles.

Nun mache ich mal 1-2 Tage Pause und dann geht es weiter Richtung Santiago. In 3-4 Wochen sollte ich an der Atlantikküste sein. Der entgegenkommende Pilger berichtete, dass die letzten einhundert Kilometer noch relativ touristisch sein würden. Bin gespannt. Ich überzeuge mich besser stets mit meinen eigenen Augen selbst vor Ort und schaue Tag für Tag.

Bisher hat meine Reise ganz deutlich und vor allem immer wieder gezeigt, dass der Weg Lösungen hervorbringt.

Allein das Vertrauen und der Glaube daran, dass jemand mir helfen wird, hat mich regelmäßig belohnt. Jedes Mal rührt es mich aufs Neue, wenn mir fremde Menschen sogar ihr Haus oder die Wohnung überlassen, mich zum Essen einladen oder mir am Wegesrand Lebensmittel geben (vor Spanien).

Diese Reise bestärkt mich in meiner Sicht, dass wir Europäer viel mehr gemeinsam haben, als uns unterscheidet.

Bis jetzt ist diese Reise eine überwältigende zwischenmenschliche Erfahrung für mich. Der verlängerte Sommer und die wunderschönen, abwechslungsreichen Landschaften Frankreichs haben mir große Freude bereitet. Niemals war ich als Mensch freier. Noch nie war ich länger draußen in der Natur als in den letzten fünf Monaten. Es ist erstaunlich, was der Körper alles leisten kann und wie sehr er sich an Belastungen anpasst.

Ich wünsche allen eine schöne Vorweihnachtszeit in meiner sächsischen Heimat. Bitte trinkt einen Glühwein für mich mit.

Frohe Grüße

Ein Pilger aus Sachsen